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Mit einem so schnellen Reflex, daß meine letzte Bewegung abgeschlossen war, ehe die Hinterbeine des ersten Risslaca den Boden verließen, schossen meine Finger den Pfeil ab, und das Geschoß sirrte davon. Ich hatte so schnell reagiert und so genau gezielt, daß es mir fast zum Verhängnis wurde.
Denn ich hatte nicht mit der unglaublichen Sprungkraft des Reptils gerechnet. Es schoß hoch in die Luft, den Schwanz starr nach hinten gereckt, während sich der Körper in die aufrechte Stellung brachte, die es den gefährlichen Krallen ermöglichte, sich tief in den Leib des Opfers zu bohren. Die Dinosaurier waren keine behäbigen, lethargischen Wesen; sie waren wendig, schnell und äußerst gefährlich.
Der Risslaca sprang über den Punkt hinweg, den ich anvisiert hatte. Mein Pfeil rutschte an seinem Bauch entlang und grub sich tief in die Schwanzwurzel.
Sosie hatte mir verschiedene Pfeile mitgegeben, so daß ich die Auswahl hatte zwischen dem dünnen, panzerbrechenden Nadelpfeil, dem kräftigen Jochpfeil, dem breiten Widerhakenpfeil oder dem üblichen Spitzpfeil. Vorsichtshalber hatte ich einen großen Widerhakenpfeil gewählt. Seine Spitze drang durch Schuppen und Fleisch des Risslaca und riß eine tiefe Wunde. Der Zufall hatte meinem Pfeil eine tödliche Präzision gegeben.
Der Deinonychus der kregischen Art hat einen gewaltigen Ballen aus Sehnen und Muskeln an der Schwanzwurzel; von hier aus wird der mächtige Schwanz gesteuert, der dem Tier die Balance gibt, die es braucht, um zielsicher zu springen und seine tödlichen Klauen einzusetzen.
Mein Pfeil durchtrennte diese Sehnen und Muskeln. Der Schwanz sank leblos herab. Der Risslaca überschlug sich zischend; er hatte die Kontrolle über seinen Körper verloren. Im gleichen Augenblick floh ich in den Schatten des Riesenfarns.
Die beiden nachfolgenden Risslaca übersprangen ihren kreischenden Artgenossen und gingen erneut zum Angriff vor. Mit einem gewaltigen Satz erhoben sie sich in die Luft. Ich hörte das schnaubende Röhren des riesigen Camarasaurus, als sie auf seinem Rücken landeten, der eine zwischen Schulter und Hals, der andere tiefer, wo sich seine Klauen in den Bauch des Pflanzenfressers bohrten und eine tiefe Wunde rissen.
In diesem Augenblick hätte ich vortreten und die beiden Raubtiere mit einfachen Pfeilschüssen töten können.
Aber ich töte nur, wenn es unbedingt nötig ist. Überhaupt liegt mir das Töten nicht, und doch lasse ich mich oft genug dazu hinreißen. Ich halte es im Grunde schon für eine Schwäche, wenn man bereit ist, jedes Lebewesen – ob Mensch oder Tier – zu töten, das einen angreift. Und hier vollzog sich lediglich ein Gesetz der Natur. Die Risslacas jagen und töten wie alle anderen Raubtiere – das hatten sie vor meiner Ankunft auf Kregen getan und würden es zweifellos auch weiter tun, wenn ich längst wieder verschwunden war. Es liegt in der Natur dieser faszinierenden Wesen – so wie es auch in der Natur des Skorpions lag, meinem Vater den tödlichen Stich zu versetzen.
Nach dem Lärm und dem heftigen Rascheln zwischen den Riesenfarnen zu urteilen, lief der Kampf nicht ganz nach dem Willen der Raubtiere ab. Unauffällig verließ ich den Schauplatz des Geschehens und wanderte vorsichtig um den Sumpf herum.
Vielleicht hatte ich die Chancen des Pflanzenfressers verbessert, indem ich einen seiner Gegner ausschaltete.
Natürlich war ich bis tief in die Nacht auf den Beinen, bis ich den Sumpf und die Farngewächse des Flusses weit hinter mir gelassen hatte und wieder auf trockenem, staubigem Grund dahinschritt. In dieser Nacht machte ich kein Feuer, sondern schlummerte nur vor mich hin. Drei Tage und drei Nächte später war die Gegend noch immer nicht freundlicher geworden. Ich hatte nur noch einen Mundvoll Wasser in der Flasche und mußte nun auf die Sitten unserer barbarischen Vorfahren zurückgreifen. Mein Pfeil traf sein Ziel und tötete ein dahinhuschendes rattenähnliches Wesen – keine kregische Rast, obwohl es eindeutig mit diesem unangenehmen Wesen verwandt war –, und ich trank sein Blut, um meinen Durst zu stillen.
Nachdem ich den Pfeil wieder an mich genommen und am staubigen grauen Fell des Tiers gereinigt hatte, wanderte ich weiter, wobei ich ständig nach Raubtieren Ausschau hielt. Zugleich suchte ich Nahrung – wodurch ich vermutlich zum gefährlichsten aller Raubtiere wurde, die die öde und bedrückende Wildnis durchquerten.
Gegen Abend des fünften Tages stieß ich auf eine der hochgelegenen breiten Straßen, die von den Eroberern des Walfargschen Reiches angelegt worden war. Diese Kämpfer waren vor langer Zeit von der Ostküste her vorgedrungen und hatten die gesamten Unwirtlichen Gebiete unter ihre Herrschaft gebracht.
Ich traf meine Entscheidung schnell. Natürlich kam ich auf der Straße weitaus schneller voran als auf der trockenen Ebene. Die eckigen Pflastersteine waren noch immer gut in Schuß; nur die Kanten waren etwas verwittert, und das Unkraut, das durch die Fugen nach oben drängte, vermochte sich nur an Stellen zu halten, wo etwas Erde angeweht worden war. Die alten Techniker aus Loh hatten gute Arbeit geleistet. Andererseits bot ich auf der Straße ein leichtes Ziel.
So behielt ich die Straße lieber im Auge und wanderte in sicherer Entfernung parallel dazu, auch wenn ich auf diese Weise langsamer vorwärtskam.
Am achten Tag machte ich am östlichen Horizont einige schroffe Erhebungen aus. Allerdings schien es sich nicht um eine Gebirgskette zu handeln, was ich mir auch wirklich nicht gewünscht hätte – noch ein Gebirge wie die Stratemsk wäre zuviel. Delia, Seg, Thelda und ich waren über die Stratemsk hinweggeflogen, die unvorstellbar hoch waren und ein fast unüberwindliches Hindernis bildeten. Mit schroffer und eisiger Endgültigkeit trennten diese Berge die Ostländer am Binnenmeer vom westlichen Ende der Unwirtlichen Gebiete. Was ich vor gar nicht langer Zeit im Auge der Welt erlebt hatte, hätte sich ebensogut auf der Erde ereignen können – so wenig wußten die Menschen der Unwirtlichen Gebiete über das Binnenmeer. Und jetzt kam mir der Verdacht, daß vielleicht eine ebenso unüberwindliche Barriere zwischen den Unwirtlichen Gebieten und der Ostküste Turismonds bestand.
Wenn das der Fall war, mußte ich sie irgendwie überwinden, um die Küste zu erreichen.
Das Terrain wurde noch unwirtlicher; mein Weg führte durch trockene Schluchten und an scharfen Felsvorsprüngen vorbei. Das Wetter war unverändert heiß. Ich mußte mich jetzt um meine Nahrung wirklich bemühen – und vor allem nach Wasser Ausschau halten.
Der gezackte Horizont vor mir veränderte sein Aussehen nicht – auch dann nicht, wenn ich ihn von einem höher gelegenen Aussichtspunkt betrachtete. Immer wieder kribbelte es mir seltsam zwischen den Schulterblättern, und ich schaute oft zurück. Die einzigen Lebensformen, die sich hier hielten und die größer waren als Insekten und Eidechsen und andere Wüstentiere, waren eine Art sechsbeiniges Opossum und die Vögel, die beide von kleineren Tiergattungen lebten. Sie werden meine Erleichterung verstehen, daß die Vögel, die mir Tag um Tag folgten, nicht größer waren als irdische Geier. Warum sie mir nachflogen, war klar; aber ich mußte zu meiner Delia aus Delphond und hatte nicht die geringste Lust, diesen Aasvögeln als Mahlzeit zu dienen.
Knorrige Vegetation wuchs in den schattigen Rissen der durch geologische Kräfte emporgewuchteten Felsplatten. Es gab hier auch Ameisen, um deren Burgen ich einen weiten Bogen machte. Ich war auf der Hut.
So geschah es, daß mich eine verstohlene Bewegung hinter einem Felsbrocken am anderen Ende einer flachen Senke sofort in Deckung gehen ließ.
Ich wartete.
Die Geduld ist nicht nur eine Tugend des Jägers – sie ist zugleich sein Leben.
Gleich darauf erschien ein Chulik in der Senke.
Verblüfft hielt ich den Atem an.
Die Chuliks, die ich bisher auf Kregen gesehen hatte, waren kräftige, stämmige Männer mit zwei Armen und zwei Beinen und einer gesunden, öliggelben Haut. Sie trugen üblicherweise den Kopf kahl – bis auf einen langen Haarstreifen, der manchmal bis zur Hüfte hinabreichte. Aus ihren Mundwinkeln ragten zwei mächtige Hauer aufwärts, die gut sieben Zentimeter lang waren, und obwohl sie entfernt wie Menschen aussahen, hatten sie kaum etwas Humanes. Normalerweise galten sie als gute Söldner und Wachsoldaten und erzielten dabei höhere Preise als etwa die Ochs oder Rapas – Tiermenschen, die ähnliche Funktionen erfüllten. Nur wenige Chuliks hatte ich bisher als Sklaven erlebt.
Der Chulik, der vor mir stand, hatte langes, schmutziges Haar. Einer seiner Hauer war abgebrochen. Um die Hüfte trug er ein schwarzes Tuch, das wie sein ganzer Körper staubig und verschmutzt war. In einer Hand hielt er eine lange Stange aus zusammengesteckten Ästen. Diese Äste stammten von den kleinen, verkrümmten Büschen, die in dieser Gegend die einzige größere Pflanze darstellten. Am Ende der Stange befand sich eine jochähnliche Gabelung. In einem Korb aus trockenen Ästen hatte er vier kleine Opossum-Wesen. Der Chulik war damit beschäftigt, ein fünftes Tier zu fangen, indem er in einem flachen Loch unter einem Felsbrocken herumstocherte und sich dabei mit einer Schnelligkeit bewegte, die im Vergleich zu der Geschmeidigkeit und Energie der mir bekannten Chuliks lächerlich wirkte.
Ich wartete.
Ein paar Minuten später näherte sich eine zweite Gestalt der ersten.
Wieder war ich erstaunt.
Es handelte sich um einen Fristle, einen Halbmenschen mit einem Pelzgesicht, das dem einer Katze ähnlich sieht, mit Schnurrbarthaaren, Schlitzaugen und Fangzähnen. Obwohl ich immer noch eine gewisse Abneigung gegen Fristles hatte – Fristles hatten meine Delia in die Gefangenschaft nach Zenicce entführt, als ich zum zweitenmal nach Kregen geholt wurde – so war ich doch durch das mutige Auftreten der Fristlefrau Sheemiff sehr beeindruckt gewesen, die stolz den gelben Voskschädel-Helm getragen hatte, als sich meine Sklavenarmee in Magdag gegen ihre Unterdrücker erhob.
Dieser Fristle trug einen schwarzen Lendenschurz und war ebenso verdreckt und heruntergekommen wie der Chulik. Er trug einen Krummsäbel, wie er für die Fristles typisch ist, doch Waffengurt und Klinge waren sehr vernachlässigt.
Was hatte diese beiden Vertreter stolzer und hochmütiger Tiermenschen-Rassen so verändert?
Mein Eindruck, daß ich von den beiden nichts zu fürchten hatte, verstärkte sich.
Wie seltsam mir dieses Gefühl im Grunde war, muß all jenen klar sein, die meine Geschichte kennen.
Ich trat aus meinem Versteck und hob die Hand. »Llahal!« rief ich den kregischen Gruß, der gegenüber Fremden verwendet wird.
Die beiden blickten geruhsam auf, und nach einer Weile sagte der Fristle: »Llahal.«
Der Chulik fragte: »Warum arbeitest du nicht?«
»Ich gehe zur Küste.«
Im ersten Augenblick verstanden sie mich nicht. Dann lachte der Fristle – eine ungewöhnliche Reaktion für einen Angehörigen seiner Rasse. Fristles lachen im allgemeinen noch seltener als ich.
»Ich komme aus den Unwirtlichen Gebieten, bin durch die Owlarh-Öde gewandert und will mich jetzt nicht auslachen lassen – schon gar nicht von einem Fristle!«
Daraufhin blinzelte mich das Katzenwesen nur an. Seine Hand näherte sich nicht einmal dem Griff des Krummsäbels.
Der Chulik wich einige Schritte zurück, doch er erhob seine gegabelte Stange nicht gegen mich.
Ich stieß einen Makki-Grodno-Fluch aus.
Was war mit diesen Männern los? Welche Macht hatte sie zu solchen Jammerlappen gemacht?
Auch fiel mir ein, daß nach meinen bisherigen Erkenntnissen eine natürliche Feindschaft zwischen Chuliks und Fristles besteht – außer wenn sie den gleichen Arbeitgeber haben. So war ich nicht wenig beeindruckt, als der Fristle dem Chulik half, den Käfig mit den vier Opossum-Wesen auf den Rücken zu nehmen. Ich begann zu ahnen, daß die beiden Männer vielleicht gemeinsam schreckliche Ereignisse durchgemacht hatten, die eine enge Bindung zwischen ihnen entstehen ließ – unabhängig von allen Rassengegensätzen.
»Der Grint ist fort«, sagte der Chulik. Seine Stimme hatte den weinerlichen Klang, der für Sklaven typisch ist. »Vier genügen natürlich nicht, aber mehr bekommen die Phokaym nicht.«
Als dieser Name erklang, schauderten der Chulik und der Fristle unwillkürlich zusammen.
Ehe ich etwas sagen konnte, trotteten die beiden davon und verschwanden zwischen den Felsbrocken am Ende der Senke.
Leichtfüßig folgte ich ihnen, doch als ich das felsübersäte Gebiet erreichte, wurde mir schnell klar, daß sie geheime Wege und Durchgänge benutzt haben mußten; ich hatte sie verloren.
In den folgenden Burs wurde das Vorwärtskommen noch schwieriger, so daß ich schließlich das Wagnis einging, die alte Landstraße zu benutzen.
Eine Tatsache war mir klar. In dieser Gegend gab es eine Macht, die so groß war, daß sie stolze Tiermenschen in unterwürfige Kreaturen verwandeln konnte, die sich mutloser verhielten als ein eben ausgepeitschter Sklave. Aus der Tatsache, daß der Fristle einen Krummsäbel bei sich gehabt hatte, schloß ich, daß die beiden keine wirklichen Sklaven waren. Doch der Widerstandswille der beiden schien gebrochen zu sein – Krieger, die unzählige Schlachtfelder siegreich verlassen hatten, waren hier seelisch und körperlich völlig zunichte gemacht worden. Und meine Vermutungen trafen zu – wie ich leider bald feststellen sollte.
Von Zeit zu Zeit erblickte ich in der phantastisch zerklüfteten und unübersichtlichen Landschaft zu beiden Seiten der Straße weitere apathische Wesen – Männer und Frauen, Ochs, Rapas, Fristles und Chuliks und auch Ullars und andere Halbmenschen, die ich nicht näher kannte. Diese Kreaturen ergriffen bei meiner Annäherung ausnahmslos die Flucht und verschwanden in Höhlen oder Felsspalten. Niemand wagte sich auf die viereckigen Steine der Landstraße.
In dieser Nacht schlug ich mein unbequemes Lager in einer Felsspalte nahe der Straße auf und legte mich hungrig schlafen; die wenigen Streifen Trockenfleisch an meinem Gürtel griff ich nicht an. Ich war fest entschlossen, möglichst viel Proviant für die ungewisse Zukunft aufzuheben.
Am nächsten Morgen erhob ich mich im grünroten Sonnenschein, reckte mich und war sofort bereit, den Gefahren des Tages gegenüberzutreten. Ich wanderte die uralte Straße entlang und sah trübes Wasser in Vertiefungen und Felsspalten und eine seltsame, knorrige Pflanzenwelt, deren Wurzeln sich wie erstarrte Schlangen in das stinkende Wasser reckten. Die unvorstellbaren Gerüche nahmen mit jedem Meter zu, und mir begann schwindlig zu werden. Ich blinzelte, schüttelte den Kopf und eilte weiter. Die Straße schien vor mir hin und her zu zucken, wie es einem manchmal an heißen Tagen auf irdischen Asphaltstraßen passiert – ein schimmernder Strom sich überlagernder Vibrationen, die einem die Aussicht behindern und zugleich alles seltsam vergrößert erscheinen lassen.
Ich war ganz allein. In der bedrückenden Leere regte sich kein Lebewesen.
Vor mir lag die Küste – und Delia. Kein Schwächeanfall sollte mich aufhalten! Ich begann zu taumeln. Als ich mich zusammenriß, brach mir überall am Körper der Schweiß aus. Ich starrte die uralte kregische Straße entlang – und sah plötzlich einen Dreidecker mit hundertundzwölf Kanonen! Die rotbemalten Geschützpforten öffneten sich, und die Vierundzwanzigpfünder und Achtzehnpfünder wurden ausgefahren, grinsten mich an und spuckten Flammen und Rauch aus, ohne daß ich etwas hörte.
Die gewaltige Breitseite mußte mich in Sekundenschnelle vernichten. Der vertraute gelbe Rauch hüllte mich ein, und unwillkürlich kam das alte Seefahrergebet über meine Lippen. Im gleichen Augenblick verschwand der Dreidecker, und an seiner Stelle sah ich ein Schiff des Binnenmeers, einen schmalen, gefährlichen Hundertruderer, der sich in meine Richtung wendete, bis der bronzene Rammsporn genau auf mein Herz gerichtet war.
Ich schrie auf – und in dem bebenden Nebel und Rauch, im Schimmer der Doppelsonne zeigte mir der zunehmende Wahn in meinem Kopf den Freund Zorg – Zorg aus Felteraz, der mich mit hochgezwirbeltem Schnurrbart angrinste. Zorg, der im Binnenmeer den Chanks als Futter gedient hatte!
Sein Gesicht verschwand, und schon sah ich Nath und Zolta, meine Ruderkameraden, die zusammen mit Zorg und mir als Galeerensklaven geschuftet hatten. Nath und Zolta grinsten mich an, der eine mit einem ledernen Weinkrug, der andere mit einem kichernden Mädchen auf den Knien.
Ich rief ihnen etwas zu.
Dann stürzte ich vorwärts – und sah nun Gloag, meinen guten Freund aus Zenicce, der nur ein Halbmensch war und doch mehr menschliche Wärme kannte als – Glycas, der schlaue grausame Magdager, und seine Schwester, die schöne böse Prinzessin Shusheeng – und ich sah auch Lilah, die Königin des Schmerzes in Hiclantung, und ich sah Hap Loder und meine Klansleute auf ihren mächtigen Voves – ich sah Prinz Varden Wanek aus dem Hause Eward. Ich sah viele Leute in ihren Rollen, die sie in meinem Leben gespielt hatten.
Ich sah Seg Segutorio und Thelda – und begann zu weinen.
Und dann – dann sah ich meine Delia, ihre herrliche schlanke Gestalt in dem roten Hüfttuch und mit den blendend weißen Lingpelzen, die ich ihr geschenkt hatte.
Und in diesem Augenblick erkannte ich, daß ich träumte. Ich schüttelte den Kopf.
Auf der Erde der Gegenwart weiß man heute viel über halluzinatorische Gifte – und im Lichte dieser Kenntnisse wäre mir sicher schneller bewußt geworden, was mit mir geschah. Opium und Haschisch waren mir natürlich bekannt, wie auch das wirksamere, allerdings trügerisch sanfte Kaf, das von den Schwachen auf Kregen genommen wurde. Der Genuß von Rauschgiften zur Flucht vor dem Ernst des Lebens deutet im allgemeinen auf eine dekadente oder gelangweilte Gesellschaft hin – und auf Kregen war das Leben zu wild und hektisch und anstrengend, als daß der Rauschgiftgenuß mehr als eine Randerscheinung sein konnte.
Ich torkelte die Straße des alten Imperiums entlang, und die Gestalten aus meiner Vergangenheit nahmen Form und Gestalt an und starrten herüber oder verhöhnten mich, lächelten oder schimpften oder streckten mir nur in freundschaftlichem Llahal die Hände entgegen.
Als ich damals die Barriere vor der Ostküste zum erstenmal zu durchqueren versuchte – sie hieß Klackadrin, und ich sollte sie noch besser kennenlernen, als mir lieb war –, bin ich noch jung und ahnungslos gewesen. Die verseuchten Tümpel gaben Minerale an die kargen Pflanzen ab, die ihren Teufelsatem in die Luft hauchten und die Sinne von Menschen und Tieren verwirrten. Die Klackadrin riegelte die Ostgrenze der Unwirtlichen Gebiete ebenso wirksam ab wie die Stratemsk die Westseite.
Delias Traumbild verschwand, und an ihrer Stelle tobte um mich plötzlich die angreifende Kavallerie von Waterloo. Ich fuhr mir mit der Hand über die Augen, und als ich wieder hinschaute, sah ich den riesigen Umgar Stro, der mich mit der gespenstischen Nachahmung des Schwertes angriff, das ich im Augenblick trug!
Seltsame Gebilde ringelten sich aus den sumpfigen Felsspalten links und rechts der Straße und legten sich über meinen Weg. Zuerst hielt ich sie für Täuschungen und dachte an die Morfangs, gegen die wir in einer Höhle der Unwirtlichen Gebiete gekämpft hatten. Im nächsten Augenblick wickelte sich ein dicker Tentakel um mein Fußgelenk und begann zu zerren.
Mit einem Schlag meines Krozairschwerts durchtrennte ich den angreifenden Arm.
Weitere schlangengleiche Tentakel ringelten sich vor mir auf der Straße – auf den ersten Blick sahen sie wie obszön winkende Arme aus, die mich dazu verführen wollten, mich in ihre Umarmung zu stürzen. Ich mußte mich durchkämpfen!
Plötzlich drang ein Geräusch an meine Ohren. Ein hartes, widerhallendes metallisches Klirren auf dem Pflaster der Straße.
Ich fuhr herum.
Noch heute glaube ich, daß ich mich im ersten Augenblick noch für verhext hielt, daß ich Phantomgestalten zu sehen glaubte.
Diese Vermutung führte zu einer Art Lähmung, geboren aus der törichten Vermutung, daß mir all diese Halluzinationen nichts anhaben konnten und daß die einzige reale Gefahr von den winkenden Tentakeln ausging.
Was ich sah, erfüllte mich dennoch mit Übelkeit – und doch konnte ich noch daran denken, daß diese Wesen offenbar keine Halbmenschen waren – sie waren halb Tier, halb Ungeheuer.
Es waren die Phokaym.
Sie ritten Tiere, die mit den mir bekannten Risslacas verwandt waren – riesige Reptilien, die sich mit einer Schnelligkeit bewegten, wie sie einem Sectrix anstand. Auch die Phokaym stammten eindeutig von den Risslacas ab. Sie waren Kaltblütler, wie ich später feststellen sollte, und hatten das breite, zahnbewehrte Maul des fleischfressenden Risslaca, kurze Vorderbeine, die sich zu Armen und Klauenhänden ausgebildet hatten, dazu mächtige Hinterbeine und den Schwanz des fleischfressenden Dinosauriers. Der Reptilienschwanz war hinter dem Sattel zusammengerollt. Die Kreaturen waren mit Speer und Schwert bewaffnet und trugen barbarische Schmuckstücke, und ihre Schuppen waren zu geometrischen Mustern von kalter reptilienhafter Schönheit eingefärbt und lackiert worden.
Täuschten mich meine Sinne, oder waren diese Wesen wirklich vorhanden?
Intelligente bewaffnete fleischfressende Dinosaurier auf gesattelten grasfressenden Dinosauriern?
Sie waren wirklich vorhanden.
Aber die Erkenntnis kam zu spät. Ich hatte zu langsam reagiert. Dicke, blutrote Striemen fielen rings um mich herab, klebrig, lähmend, einschnürend. Mein Schwertarm wurde herabgezogen, Bogen und Köcher waren umschlossen, ich wurde von den Schultern bis zu den Füßen in das enge Netz eingehüllt und stürzte zu Boden.
Als ich mit dem Gesicht auf die harten Pflastersteine fiel, erwachte ich aus meiner Betäubung. Aber es war zu spät.
In Fesseln wurde ich über die harte Straße gezerrt, zurück nach Westen, fort von der Küste – in eine Sklaverei, wie ich sie zwischen den Felsen und stinkenden Tümpeln schon wahrgenommen hatte.
Mit Triumphgeschrei zerrten mich die Phokaym fort.